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Der Zauber der Bedingungslosigkeit – Wohnungslose vs. Flüchtlinge

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Wohnungslose vs. Flüchtlinge

In der Asyldiskussion, die momentan in Deutschland und ganz Europa geführt wird, taucht, vorgebracht von Kritikern der momentanen, liberalisierten Aufnahmepraxis, ein Argument immer wieder auf: Man solle, anstelle den Flüchtlingen eine Welle der Hilfsbereitschaft zukommen zu lassen, sich doch lieber um die “eigenen Leute” kümmern. Konkret wird hier regelmäßig die Gruppe der Wohnungs- und Obdachlosen genannt. Dies ist nicht nur aus rechten Kreisen wie aktiven *Gida-Teilnehmern zu vernehmen, sondern auch aus der Region der Gesellschaft, die wir als “bürgerliche Mitte” wahrnehmen.

Obdach- oder Wohnungslose sind die personelle Spitze des Armutseisbergs, der sich unterhalb dieser unmittelbaren Schwelle der Sichtbarkeit aus Menschen zusammensetzt, die staatliche Leistungen (Rente, HartzIV) erhalten oder nur gering verdienen. Sie sind die Sichtbarsten in einer Gesellschaft, die sich eigentlich mit ihren materiell Armen gar nicht beschäftigen möchte.

Hier tauchen zwei berechtigte Fragen auf: Warum sich ein Teil der Gesellschaft nun ausgerechnet dem Teil der Bevölkerung zuwendet, den sie normalerweise bestenfalls ignoriert und ansonsten meist pauschal mit diffamierenden Begriffen wie “Alkoholiker”, dem historisch belasteten“arbeitsscheu” oder “faul” belegt.

Die zweite Frage, der wir alle uns stellen müssen, ist, warum die Hilfsbereitschaft der vielen nicht auch dauerhaft denen gilt, die von der Gesellschaft abgehängt und in Not geraten sind. Selbstverständlich gibt es viele sehr engagierte Menschen, die Obdachlose gezielt unterstützen. Nur sind es eben nicht so viele, dass sie an deren Aufenthaltsorten in mehreren Reihen Spalier stehen, mit Kisten voller Hilfsgüter.

Zweierlei Maß

Der wesentliche Unterschied zwischen den am sichtbarsten von Armut Betroffenen und den ankommenden Flüchtlingen ist im Bewusstsein der Bevölkerung die angenommene Schuldhaftigkeit bzw. Unschuld. Dies ist ein gedankliches Konstrukt, auch mit christlicher Prägung. Es bringt uns dazu, Menschen, die unsere Hilfe brauchen, zu kategorisieren. Es hat mit der Realität oft nicht viel zu tun. Vergleichen lassen sich beide Gruppen kaum, auch wenn sie teilweise ähnliche Probleme haben. Sie werden sogar aus unterschiedlichen Haushalten finanziert, sodass das Abweisen von Flüchtlingen nicht einen einzigen Wohnsitzlosen von der Straße bringt. Dies wird auch von Betroffenen selbst betont.

Die falsche Frage

Die Frage, die wir (auch von Seiten der Politik) immer wieder, meist unausgesprochen, stellen, ist, ob der Betroffene etwas für sein Schicksal kann oder nicht. Bei Erwachsenen, vor allem männlichen Obdach- oder Wohnungslosen, wird diese Schuldhaftigkeit praktisch automatisch vorausgesetzt. Ist ein Betroffener an seinem Schicksal schuldlos, so wird dies explizit betont: in persönlichen Gesprächen, in den Medien, von Personen des öffentlichen Lebens, die Vorbildcharakter haben (früher gab es sogar mal die Begriffe “schuldig/schuldlos geschieden” beim offiziellem Ende einer Ehe). Bei Flüchtlingen, einer großen, heterogenen Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen, gehen wir von pauschal an ihrem Schicksal Unschuldigen aus. Bei letzteren unterbinden die Situation im Nahen Osten und der menschliche Anstand eine andere Sichtweise (und das völlig zu Recht).

Die Unschuldigen, die Kriegsflüchtlinge, die Vertriebenen bekommen unsere bedingungslose Solidarität und Unterstützung. Dies ist richtig und wichtig, und es ist auch gar nicht anders möglich. Angesichts der aktuellen Flüchtlingszahlen wäre eine dezidierte Prüfung der Einzelfälle nach möglicher Verstrickung, z. B. in das Assad-Regime und den IS oder das bisherige Verhalten im zivilen oder militärischen Leben unmöglich und auch in humanitärer Hinsicht inakzeptabel. Die einzige Hilfe, die sinnvoll möglich ist, ist eine bedingungslose.

Bedingungslose Hilfe

Das gilt aber nicht nur für Flüchtlinge: Auch im Umgang mit den materiell Schlechtgestellten müssen wir mehr Bedingungslosigkeit wagen. Wir müssen den Kreislauf aus prekärer Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und daraufhin staatlich verordneter Unfreiheit mittels behördlicher Gängelung durchbrechen, um eben auch denen wirkungsvoll helfen zu können, die durch alle Instanzen der Gesellschaft bis ganz nach unten gerutscht sind, wo sie nun ohne Netz und doppelten Boden leben. Wir müssen aufhören, Schuld zuzuweisen, wo oft nur Schicksal ist, und, ja, auch die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen wurde. Das ist nämlich menschlich. Da ist alles möglich, auch, dass zu viele falsche Entscheidungen ins Nichts führen können. Wir müssen akzeptieren, dass das Leben nicht immer so läuft, wie wir es gerne hätten, und das nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen. Und dass die Gründe, warum das so ist, zu einem guten Teil Privatsache sind und uns nichts angehen.

Neue Strategien gegen Armut

Dazu gehört auch eine grundlegende Neubewertung von Beschäftigungslosigkeit. Hier wird oft eine Schuldhaftigkeit der Betroffenen angenommen, die selbst Kleinkinder in Sippenhaft nimmt. Dazu gehört die politische Bewertung, die die Handlungsanweisungen von Arbeitsämtern und Jobcentern bestimmt, aber auch öffentliche Äußerungen wie die zum geflügelten Wort mutierte “Spätrömische Dekadenz”, die den Empfängern bestimmter staatlicher Leistungen in diffamierender Weise angedichtet wurde (diesen Ausspruch bereut Guido Westerwelle inzwischen, dennoch ist und bleibt er in der Welt, da er so schön einprägsam und populistisch ist). Die daraus resultierende Handlungsempfehlung, den Menschen durch eine minimale Existenzsicherung vom gesellschaftlichen Leben auszuschließen und so zu inspireren, sich wieder einer materiell lohnenderen Erwerbstätigkeit zuzuwenden, ist unrealistisch und entspricht nicht der Lebenswirklichkeit.

Es gibt nicht genügend Jobs für alle, und von denen, die es gibt, sind viele so schlecht bezahlt, dass man letztendlich eine Form der Armut gegen die andere tauscht und wieder beim Jobcenter alles und jedes erkären muss, auf dass die Aufstockung auf den Hartz-IV-Satz gewährt werde.

Da Automatisierung und Digitalisierung weitere, nicht nur niederqualifizierte Tätigkeiten schlicht abschaffen wird, ohne neue Stellen in gleicher Zahl zu schaffen, ist es höchste Zeit, diese Praxis zu überdenken. Ein erster Schritt wäre, den Erhalt von Transferleistungen zu vereinfachen und diese auf ein Niveau anzuheben, der die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wieder möglich macht. Damit würde man auch einen Teil der Obdach- und Wohnungslosen wieder erreichen, die so weit von der Mehrheitsgesellschaft entfernt sind, dass eine behördliche Langzeitprozedur wie das Beantragen von Hartz IV für sie unvorstellbar und praktisch unmöglich ist. Nicht zuletzt kann man so Altersarmut wirklich wirksam bekämpfen.

In der Zukunft wird man gar nicht anders können, als Einkommen und Erwerb zumindest teilweise zu entkoppeln, und dies bedingungslos (beispielsweise durch ein bedingungsloses Grundeinkommen), da sonst ein menschenwürdiges Leben in dieser Gesellschaft für immer mehr Menschen unmöglich sein wird.

Quelle: Flaschenpost

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